Ersteinschätzung: ZNA Symposium - Der Kriegsfall als Individualproblem
Der erste Tag des 8. ZNA-Symposiums in Berlin hat nachdenklich gemacht: In Zeiten der Vorbereitung des Gesundheitswesen auf den Spannungs- oder Kriegsfall ging es viel um Mehrarbeit und Eigen-Initiative der Beschäftigten, aber gleichzeitig soll es weitere Einsparungen geben. Ein altbekanntes Muster im Gesundheitswesen, das nun unter dem Schlagwort der „Kriegstüchtigkeit“ eine neue Qualität bekommen soll.
Ohne Bundeswehr aber Kriegstüchtig
Die Bundeswehr blieb der Veranstaltung kurzfristig und kommentarlos fern - ob es mit dem Protest zusammenhängt, blieb offen. Doch die Bühne war ohnehin bereitet: Die kommende Militarisierung des Gesundheitswesens wurde als selbstverständlich vorausgesetzt, nicht als debattierbare politische Entscheidung.
Verantwortung nach unten durchgereicht
Besonders irritierend war der Umgang mit Personalmangel. Eine lange Liste bekannter Belastungsfaktoren blieb völlig losgelöst von den dafür verantwortlichen wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen. Stattdessen Appelle an die Eigeninitiative: Warn-Apps aktivieren, Familien-Notfallübungen, mit Kolleg*innen sprechen, Vorräte anlegen. Kurz: „Kümmert euch selbst.“
Das ist keine Vorbereitung, das ist schlicht Verantwortungsverschiebung.
„Priorisieren“ heißt Ausschließen
Zynisch wurde es, als über das Stoppen elektiver Eingriffe gesprochen wurde. Ob eine 95-Jährige „noch einen Stent braucht“, wie lange Krebstherapien „geschoben“ werden können, als wäre das eine harmlose organisatorische Frage. Mit solchen Sätzen wird die Belastung nicht nur verschoben - sie wird naturalisiert. Der Verzicht soll plötzlich vernünftig, ja selbstverständlich erscheinen. Dass diese Entscheidungen schwerwiegende ethische und individuelle Tragweiten haben, wurde ausgeblendet. Dass sie im Versorgungsalltag schon jetzt aufgrund von Unterfinanzierung passieren, blieb auf der Bühne unerwähnt.
Fazit
Das Symposium stand klar im Geist der „Zeitenwende“ - nur ohne den Geldsegen, welcher über der Rüstungsindustrie ausgeschüttet wurde. Zwar soll das Gesundheitswesen ein Zahnrad in der Maschine des Militärischen werden, doch die Kraft dazu soll ausschließlich aus den Beschäftigten gepresst werden. Wenn wir dem nicht jetzt widersprechen, wird die Militarisierung des Gesundheitswesens schleichend Normalität - zu Lasten derer, die heute schon am Limit arbeiten.


Artikel wurde am 29. Sep. 2026 gedruckt. Die aktuelle Version gibt es unter https://stella-merendino.de/blog/zna-symposium-berlin-der-kriegsfall-als-individualproblem/.