Positionierung zur Debatte um die Organspende

Positionierung zur Debatte um die Organspende

Die Debatte um die Widerspruchsregelung wird in Deutschland häufig auf eine moralische oder rein rechtstechnische Frage reduziert. Entweder wird sie als notwendiger Ausdruck gesellschaftlicher Solidarität dargestellt oder als unzulässiger Eingriff in die individuelle Selbstbestimmung kritisiert. Aus meiner Sicht greift diese Zuspitzung zu kurz. Die Frage der Organspende ist nicht nur eine individuelle Entscheidung am Lebensende, sondern immer auch eine Frage von öffentlicher Gesundheitsversorgung, sozialer Gerechtigkeit, demokratischer Kontrolle und institutionellem Vertrauen (Mossialos et al., 2008; Merendino, 2026).

Die aktuelle Situation halte ich gesundheitspolitisch und gesellschaftlich für nicht tragbar. Tausende Menschen warten in Deutschland auf ein lebensrettendes Organ, während gleichzeitig ein Großteil der Bevölkerung der Organspende grundsätzlich positiv gegenübersteht (BZgA, 2022). Dass diese Diskrepanz seit Jahren nicht überwunden wird, ist aus meiner Sicht kein individuelles Versagen einzelner Menschen, sondern Ausdruck struktureller Probleme im Gesundheitswesen. Die Debatte konzentriert sich häufig auf die Entscheidung einzelner Bürger*innen, während Fragen von Unterfinanzierung, Personalmangel, institutioneller Organisation und mangelnder öffentlicher Verantwortung zu wenig berücksichtigt werden.

Ich befürworte deshalb grundsätzlich eine solidarische Widerspruchsregelung nach spanischem Vorbild. Allerdings lehne ich die Vorstellung ab, dass eine bloße Änderung des Transplantationsgesetzes automatisch zu höheren Organspendezahlen führen würde. Die internationale Forschung zeigt seit Jahren, dass höhere Spenderaten nicht allein auf ein „opt-out“-System zurückzuführen sind, sondern auf ein Zusammenspiel aus gesellschaftlicher Akzeptanz, professioneller Koordination, öffentlicher Infrastruktur und institutioneller Verlässlichkeit (Matesanz et al., 2017; Molina-Pérez et al., 2022). Spanien wird in der deutschen Debatte häufig verkürzt dargestellt. Der Erfolg des spanischen Systems beruht nicht allein auf der Widerspruchsregelung, sondern auf einem über Jahrzehnte aufgebauten öffentlichen Transplantationssystem mit klaren klinischen Standards, spezialisierter Koordination und hoher gesellschaftlicher Legitimation.

Genau diese Strukturfragen fehlen aus meiner Sicht in der deutschen Diskussion häufig. Weder die Arbeitsbedingungen in den Kliniken noch die Überlastung von Intensivstationen oder die Rolle der Pflegefachpersonen werden ausreichend berücksichtigt. Pflegekräfte tragen im Organspendeprozess enorme Verantwortung. Sie begleiten Angehörige in Ausnahmesituationen, stabilisieren potenzielle Spender*innen, koordinieren Abläufe und tragen einen erheblichen Teil der emotionalen und organisatorischen Arbeit. Gleichzeitig bleiben sie in politischen Debatten und institutionellen Entscheidungsstrukturen weitgehend unsichtbar (Ungerer et al., 2020; Fernández-Alonso et al., 2021). Diese Unsichtbarkeit ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines Gesundheitssystems, das pflegerische Arbeit zwar permanent voraussetzt, ihr aber nur begrenzte strukturelle Mitsprache einräumt.

Kritisch sehe ich zudem die starke Konzentration organisatorischer Steuerungsaufgaben innerhalb privatrechtlicher Strukturen wie der Deutschen Stiftung Organtransplantation. Organspende ist Teil öffentlicher Gesundheitsversorgung und sollte deshalb aus meiner Sicht stärker öffentlich, demokratisch legitimiert und multiprofessionell kontrolliert organisiert werden. Wenn der Staat einen Sicherstellungsauftrag für die Gesundheits- und Pflegeversorgung trägt, muss das auch für zentrale Koordinierungs- und Steuerungsaufgaben im Bereich der Organspende gelten. Die derzeitige Konstruktion führt dazu, dass wesentliche Bereiche öffentlicher Daseinsvorsorge in ausgelagerte Stiftungsstrukturen verschoben werden, ohne dass demokratische Kontrolle, Transparenz oder Beteiligung verschiedener Berufsgruppen ausreichend gewährleistet sind (Merendino, 2026).

Die Kritik an der Widerspruchsregelung ist natürlich ernst zu nehmen. Fragen von Selbstbestimmung, Vertrauen und dem Schutz vulnerabler Gruppen dürfen nicht relativiert werden. Eine solidarische Widerspruchsregelung kann deshalb nur legitim sein, wenn sie mit barrierefreier Aufklärung, einfachen Widerspruchsmöglichkeiten, Transparenz und sozial gerechter Umsetzung verbunden wird (Mossialos et al., 2008; Rees et al., 2024).

Ich verstehe Organspendepolitik nicht als rein individuelle Privatentscheidung, aber auch nicht als technokratische Verwaltungsfrage. Sie ist Teil öffentlicher Daseinsvorsorge und muss sich an Gemeinwohl, demokratischer Kontrolle und sozialer Gerechtigkeit orientieren.

Die aktuellen Organspendezahlen werden derzeit vielfach als großer Erfolg dargestellt. Tatsächlich zeigen die vorläufigen Zahlen der Deutschen Stiftung Organtransplantation für 2025 einen leichten Anstieg. Bundesweit gab es 985 Organspender*innen und 3.020 gespendete Organe. Gleichzeitig warten weiterhin über 8.200 Menschen aktiv auf ein Organ.

Wichtig ist jedoch die Einordnung dieser Zahlen. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation selbst spricht vom „höchsten Stand seit 2012“. Erwähnt jedoch nicht, dass die Zahlen davor bereits deutlich höher lagen. So gab es beispielsweise im Jahr 2010 rund 1.296 Organspender*innen in Deutschland, 2011 waren es etwa 1.200. Gleichzeitig wurden damals fast 4.000 Organe transplantiert bzw. entnommen (DSO, 2012; Schulte et al., 2018).

Die aktuellen Entwicklungen zeigen deshalb weniger einen grundlegenden Systemerfolg als vielmehr eine langsame Stabilisierung nach einem jahrelangen Vertrauens- und Strukturverlust. Die gesellschaftliche Bereitschaft zur Organspende war bereits vor 2022 hoch. Das eigentliche Problem lag und liegt vielmehr in den strukturellen Bedingungen des deutschen Transplantationssystems. Die mangelnde Ressourcen, Überlastung in Kliniken, fehlende Freistellungen für Transplantationskoordination, personelle Unterbesetzung sowie unzureichende institutionelle Organisation, um ein paar zu nennen.

Auch die regionalen Unterschiede sprechen dafür, dass Organspende wesentlich von Infrastruktur und klinischer Organisation abhängt. Während einige Regionen deutlich höhere Spenderaten erreichen, bleiben andere trotz vergleichbarer Bevölkerungsgröße weit darunter. Das verweist darauf, dass die Frage der Organspende nicht allein über individuelle Moral oder persönliche Spendebereitschaft erklärt werden kann.

Deshalb greift es aus meiner Sicht zu kurz, die aktuellen Zahlen als Beleg dafür zu nutzen, dass das bestehende System ausreichend funktioniere oder lediglich einzelne gesetzliche Änderungen nötig seien. Die Entwicklung zeigt vielmehr, dass Organspende immer auch eine Strukturfrage ist.

Aus meiner Sicht braucht es deshalb keine isolierte Entscheidung zwischen „opt-in“ und „opt-out“, sondern eine grundlegende Reform des Transplantationssystems. Dazu gehören öffentliche Verantwortung, stärkere demokratische Kontrolle, verbindliche Beteiligung von Pflegefachpersonen, gute Arbeitsbedingungen, ausreichende Freistellungen für Transplantationskoordination, transparente Strukturen sowie eine solidarische Gesundheitsversorgung, die Vertrauen schafft und nicht Misstrauen verwaltet. Denn wo Koordination, Personal, öffentliche Verantwortung und institutionelles Vertrauen gestärkt werden, steigen auch die Chancen auf erfolgreiche Organspenden.

Stella Merendino, MdB

Berlin, den 11.05.2026

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Quellen:

DSO (2012). Organspende und Transplantation in Deutschland 2011.

DSO (2025). Organspende und Transplantation in Deutschland
Januar bis Dezember 2023 / 2024 / 2025, https://dso.de/SiteCollectionDocuments/Pressemeldungen%20PDFs%20und%20Anh%C3%A4nge/Jahreszahlen%202025/Jan%20%E2%80%93%20Dez%202025%20D%20Reg%20BL%20Vgl%202%20Vorjahre%20Stand%2012.01.2025.pdf

BZgA (2022). Wissen, Einstellung und Verhalten der Allgemeinbevölkerung (14 bis 75 Jahre) zur Organ- und Gewebespende, https://www.bioeg.de/fileadmin/user_upload/PDF/pressemitteilungen/daten_und_fakten/BZgA_Infoblatt_Studie_Organspende_2022_final.pdf

Fernández-Alonso, V., et al. (2021). Nursing roles and family support in organ donation processes.

Matesanz, R., Domínguez-Gil, B., Coll, E., de la Rosa, G., & Marazuela, R. (2017). Spanish experience as a leading country: What kind of measures were taken? Transplant International.

Merendino, S. (2026). Organspende als Akt der Solidarität – Warum Deutschland die Widerspruchsregelung einführen sollte: Eine linke Perspektive auf Gerechtigkeit, Gesundheitsversorgung und die Rolle der Pflege und Notfallmedizin (Bachelorarbeit). Akkon Hochschule für Humanwissenschaften.

Molina-Pérez, A., et al. (2022). Organ donation systems and public trust: A comparative analysis.

Mossialos, E., Costa-Font, J., & Rudisill, C. (2008). Does organ donation legislation affect individuals’ willingness to donate their own or their relative’s organs? Evidence from European Union survey data. BMC Health Services Research, 8(48).

Organspende-info.de - https://www.organspende-info.de/zahlen-und-fakten/statistiken/

Zum Welt-Organspende-Tag: Wichtige Infos im Überblick
Wann gilt ein Mensch als klinisch tot? In der Regel werden Organe postmortal, also nach dem Tod des Patienten, gespendet. Doch wann gilt ein Mensch eigentlich als klinisch tot? Grundsätzlich lässt sich sagen: Wenn das Gehirn in allen Funktionen ausgefallen ist, ist auch der Tod des Menschen eingetreten. Ob ein Unterstützungssystem von außen, beispielsweise ein Beatmungsgerät, noch einen Kreislauf erhält, spielt dabei keine Rolle. Ein Patient kann dann Herz, Leber, Lunge, Bauchspeicheldrüse, Dünndarm und beide Nieren spenden - und damit bis zu sieben Menschenleben retten.

Rees, J., et al. (2024). Public trust and organ donation systems: Comparing opt-in and opt-out frameworks.

Schulte, K., Borzikowsky, C., Rahmel, A., Kolibay, F., & Kahl, A. (2018). Rückgang der Organspenden in Deutschland. Deutsches Ärzteblatt. https://www.aerzteblatt.de/archiv/rueckgang-der-organspenden-in-deutschland-248d17c7-272f-441f-b44b-aaa67ca73e55&ved=2ahUKEwjF6KKonbGUAxXLVfEDHfNILToQFnoECCQQAQ&usg=AOvVaw1zKxns6BNJBWeLfZ3C6li9

Ungerer, M., et al. (2020). The role of nurses in organ donation and transplantation processes.