100 Rettungskräfte im Bundestag für Praxis-Check der Notfallreform
Bericht vom Ratschlag "Wie weiter mit dem Rettungsdienst?" am 20. März 2026.
Großeinsatz in Berlin: vergangenen Freitag folgten knapp 100 Beschäftigte aus dem Rettungsdienst unserer Einladung zum Ratschlag in den Deutschen Bundestag. Weitere 100 Personen schalteten sich online per Videokonferenz dazu. Anlass war die gemeinsame Auswertung unserer Befragung – die zur größten Umfrage im Rettungsdienst geworden ist! Jede 11. Person aus dem Rettungsdienst hat sich beteiligt. Beim Ratschlag standen neben den Notfallreformplänen der Bundesregierung daher vor allem die aktuellen Arbeitsbedingungen und Verbesserungsvorschläge der Rettungskräfte selbst im Mittelpunkt.
Heidi Reichinnek, Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, eröffnete die Veranstaltung mit einem Grußwort und einem Dankeschön, denn: Es ist nicht selbstverständlich, sich neben einer belastenden Arbeit zusätzlich Zeit zu nehmen, um für ein besseres Gesundheitssystem zu kämpfen. „Die Linke steht für ein solidarisches Gesundheitssystem mit guter bedarfsgerechter Versorgung für alle“, so die Abgeordnete. Ganz klar: dafür müssen auch die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten im Gesundheitswesen stimmen.
Die Reform am grünen Tisch
Beim folgenden Podium wurde ein kritischer Blick auf die Notfallreformplänen der Bundesregierung geworfen. Der Gesundheitspolitiker Ateş Gürpinar, MdB moderierte die Runde. Es sprachen Stella Merendino (MdB, Sprecherin für Krankenhaus- und Notfallversorgung), Frank Flake (Vorsitzender Deutscher Berufsverband Rettungsdienst e.V.), Verena Frommer (stellv. Sprecherin YoungDGINA), und John Löser (Rettungssanitäter und Betriebsrat). Die geplante Reform der Notfallversorgung findet nicht im luftleeren Raum statt. Aktuell steht die Gesundheitsversorgung insgesamt stark unter Druck – unter Kürzungsdruck. Der Gesetzentwurf zur Notfallreform aus dem Gesundheitsministerium benennt teilweise die richtigen Probleme, weist aber auch noch viele Fragezeichen auf. Positiv wurde die geplante Aufnahme des Rettungsdiensts ins SGB V bewertet. Warkens Aussagen, mit der Reform Geld einsparen zu können, sahen die Diskutierenden skeptisch. Das Podium war sich einig in dem Punkt, dass die Notfallreform keine Sparreform werden darf – die einfach nur die Probleme verschiebt. Und sie darf nicht an der Realität im Rettungswagen und in den Leitstellen vorbeigehen.
"Die Notfallreform darf keine Sparreform werden"

Zahlen, die wehtun
Nach der Mittagspause präsentierten Elli Kutterer und Finja Höfer aus dem Team von Stella Merendino die Ergebnisse der Status-Rettungsdienst-Befragung, an der sich fast 8.000 Beschäftigte beteiligt haben.
Die Befragung zeigt, dass sich im Rettungsdienst dringend etwas ändern muss. Sie zeichnet das Bild eines Systems, in dem die Beschäftigten dauerhaft überlastet sind – durch ein hohes Arbeitspensum, Gewalterfahrungen im Arbeitsalltag oder Fehleinsätze. Die strukturelle Überlastung gefährdet die Qualität und Sicherheit der Versorgung. Mehr als ein Drittel der Befragten glaubt nicht, dass die Patient*innensicherheit aktuell gewährleistet ist und ca. 20% berichten davon, dass sie oft Abstriche bei der Arbeitsqualität machen müssen.
Die Arbeitsbedingungen sind langfristig nicht tragbar
Etwa zwei Drittel der Befragten können sich nicht vorstellen ihrem Job bis zur Rente nachzugehen. Gleichzeitig fehlt es den Beschäftigten an Perspektiven für Weiterbildung und Aufstieg. Als besonders großes Problem werden außerdem die bundesweit uneinheitlichen Regelungen wahrgenommen. So variiert die Praxis abhängig von den ärztlichen Leitungen im Rettungsdienst von Landkreis zu Landkreis.
Die Experten der Praxis
Am Nachmittag entstand produktive Unruhe. In drei Workshops wurde darüber diskutiert, welche Schlüsse aus den Ergebnissen der Befragung gezogen werden sollten und was sich ändern muss. Die drei Themen waren: Integriertes Akut- und Notfallsystem (durch welche Versorgungsangebote können wir den Rettungsdienst entlasten?), Gleichheit für alle im Rettungsdienst (welche bundeseinheitlichen Regelungen braucht es?), sowie Beschäftigtenfreundliche Arbeitsorganisation (wie können wir Dienstplanung, Schicht- und Pausenmodelle besser zu Gunsten der Beschäftigten gestalten?). In den Workshops kamen so viele Anregungen und Verbesserungsideen zur Sprache, dass die Zeit kaum ausreichte, um sie im Einzelnen zu diskutieren. Klar war: die Beschäftigten sind selbst die Experten. Sie kennen die Probleme aus ihrem Arbeitsalltag und wissen am besten, was sich ändern muss.

In gemeinsamer Runde stellten die Teilnehmenden aus den Workshops nacheinander die Ergebnisse vor und es wurde beraten, welche politischen Forderungen für bessere Arbeits- und Versorgungsbedingungen im Rettungsdienst erhoben werden sollen. Anschließend fand ein Austausch darüber statt, inwiefern die bereits vorliegenden Forderungen der Linken für die Notfallversorgung und den Rettungsdienst verändert oder ergänzt werden sollten. Einige konkrete Punkte – zum Beispiel zu bundeseinheitlichen Regelungen, zur Ausstattung der Leitstellen und zu Pausenzeiten – konnten im Nachgang direkt in den entsprechenden Antragsentwurf der Linken eingearbeitet werden.
Der Report auf dem Tisch der Ministerin
Zum Schluss ging es darum, wie sich der Rettungsdienst in den kommenden Monaten Gehör verschaffen und sich politisch einbringen kann. Stella Merendino hatte die Befragung zum „Status Rettungsdienst“ letztes Jahr auf den Weg gebracht, um die Stimmen der Beschäftigten in die Politik zu tragen. In den nächsten Monaten wird es ernst, wenn die Koalition ihr Gesetz zur Notfallreform dem Bundestag vorlegt. Die Ergebnisse der Befragung sollen dann der Gesundheitsministerin in Form eines Reports auf den Tisch geknallt werden. Begleitend dazu braucht es öffentlichkeitswirksame Aktionen in den sozialen Medien und vor dem Bundestag. Hierfür wurden gemeinsam Ideen gesammelt und sich für die weitere Kommunikation und Planung vernetzt.
"Demo in Dienstkleidung vor Warkens Nase"
Ein nächster Ratschlag ist für den Herbst geplant. Der Kampf geht weiter; ein Anfang ist gemacht.




Fotos: Jennifer Marke
Artikel wurde am 29. Sep. 2026 gedruckt. Die aktuelle Version gibt es unter https://stella-merendino.de/blog/100-rettungskrafte-im-bundestag-fur-praxis-check-der-notfallreform/.